Sinking Cities
Lexikon

SinkingCities.de sammelt Texte zum Begriff Versinken.

 

weiterlesen

Versinken

„Denn, glaubt es mir! – das Geheimnis, um die größte Fruchtbarkeit und den größten Genuss vom Dasein einzuernten, heißt: gefährlich leben! Baut eure Städte an den Vesuv!“[1]

 

Städte und Siedlungen werden an Plätzen gegründet, welche ökologische, wirtschaftliche, strategische oder sakrale Bedingungen in einer komplexen Korrelation zueinander für einen bestimmten Nutzer erfüllen. Das Wachstum und die Bedeutung einer Stadt sind an die Wechselwirkungen dieser Faktoren geknüpft. Das Verlegen von Handelswegen, Zerstörungen der landwirtschaftlichen Grundlage durch Naturkatastrophen, Trockenperioden nach Klimaveränderungen, plötzlichen Erdbeben und anderen geomorphologischen Verwandlungen unseres Planeten, politischen Erneuerungen oder vernichtenden Kriegen können die Existenz einer Stadt beeinflussen. Auch beschränkt die Bausubstanz der Gebäude unweigerlich die Lebensdauer einer Stadt. Gerade viele antike und mittelalterliche Städte wurden so nicht für die Ewigkeit erbaut. So standen die natürlichen Baumaterialien und gesellschaftliche Strukturen und Siedlungen in einer Erprobung. Dieses „Ausprobieren“ führte zum Versinken, von dem wir in Mythen und Geschichten aus längst vergangener Zeit erfahren. Die Entwicklung zeigt, dass eben ein Versinken nicht zu einem vollständigen Untergang führt. Doch nach wie vor sind viele Metropolen von einem Untergang bedroht, sei es durch Klimawandel gestiegenem Meeresspiegel oder anthropogenen Katastrophen. Durch die Nachvollziehbarkeit der komplexen Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur, Opfer und Täter, wird das Begriffspaar scheinbar aufgelöst. Wir verändern Natur, die Natur verändert unseren Lebensraum an den wir uns wieder anpassen müssen. Längst ist also eine dualistische Trennung und Beurteilung in gut und böse nicht mehr möglich. Gerade anhand der Geschichte des Versinkens kann man das Verhältnis und Verständnis von Natur und Mensch ablesen. [2] [3] Vom göttlichen Strafgericht über die naturwissenschaftlich unkontrollierbare Natur zur Selbstverschuldung und Ursachenforschung, welche in einer Zivilisationskritik mündet. Hier oszilliert die Stadt, als Spiegelbild menschlicher Kultur und Kraft verstanden, zwischen den beiden Polen eines Systems. Die Stadt wird im prozessualen Versinken zum Indikator dieser Beziehung. Natur ist nicht mehr nur die baumbestückte Allee oder das grüne Gras unserer Stadtparks; aber genau so wenig lässt sie sich nur noch jenseits der Stadtmauer finden. Die Verschmelzung dieser Pole ist möglich und führt, wie die Städte Venedig und New Orleans zeigen, zu hybriden Zwittergebilden. In ihren wird die Fragilität und gleichzeitige Flexibilität sichtbar, welche den dynamischen, urbanen Organismus bildet. Die Unbeständigkeit evoziert die Risikobereitschaft der Bewohner. Mit diesem ständigen Risiko beginnt ein positives Experiment.

 

Ein ständiges Mutproben, welches sich ein Stück der Tatsachen unserer menschlichen Existenz bewusst wird. Die Tatsache, dass wir auf der Kruste eines 6000° C heißen Feuerballs unsere Siedlungen aufgeschlagen, in der Hoffnung nicht von den umgebenen Weltmeeren verschlungen zu werden. Unsere Chancen stehen gegen die Milliarden Jahre erdzivilisatorischer Veränderung, die oftmals das Aussterben von Spezies nach sich zog. Genau aus der Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen speist sich der komische Drang des Menschen zum Leben; nicht nur zum Überleben.

Das der Untergang einer Struktur auch den Raum für etwas Neues birgt, wird in den vielen urbanen Sedimenten unserer Erde sichtbar. Selbst die Tabula rasa mag geglättet worden sein, aber ohne Untergrund lässt sich auch nichts neu aufschreiben.

 

Um den Menschen vor Kälte, Nässe, Wind, Hitze, wilden Tieren und sich Selbst zu schützen, reicht das Bauen aus, wie wir es seit Jahrtausenden kennen. Erst in der Architektur können wir unser Verständnis von Schutz und Schutzlosigkeit formulieren. [4] Bauen erzeugt Schutz, Architektur kann Schutznotwendigkeit definieren, und wie würden diese am Prozess des Versinkens aussehen? Aber auch baulich scheint wenig an eine Lösung gedacht, wenn die gleichen Gebäude in Backnang, auch den Fluten an der Elbe standhalten müssen.

Michel Foucault stellt Raum als Produkt von Machtverhältnissen dar.

Die Stadt als Verflechtung von Mensch und Umgebung. Eine Kondition des Ungleichgewichtes und ständigen Kräftemessens führt zur „Bewegung“ in/der Stadt und ihrer Bewohner. Ein Experiment, das wir technologisch schon bereit sind einzugehen aber nicht im Stande sind, Architektonisch zu übersetzen. Nur in den städtischen Utopien oder Träumen eines Italo Calvino werden urbane Experimente und Versuche an unseren Städten möglich.

 

Gesellschaftlich und technologisch vollziehen wir bereits diese Träume, mit all ihren Risiken.

Warum können wir eine soziale Diskussion über aktive Sterbehilfe nicht auf den Raum und sterbende urbane Strukturen übersetzen? Ich fordere (u.a) die aktive Sterbehilfe für Städte!

Keine passiven Akupunkturen einer schrumpfenden Städte, sondern sie behutsam versinken zu lassen.

“[...|. It's kind of been like trying to give aspirin to a cancer patient [...]”

Len Bahr, director of Louisiana Goverment ,2005

 

„Vorbereitende Menschen. Ich begrüsse alle Anzeichen dafür, dass ein männlicheres, ein kriegerisches Zeitalter anhebt, das vor allem die Tapferkeit wieder zu Ehren bringen wird! Denn es soll einem noch höheren Zeitalter den Weg bahnen und die Kraft einsammeln, welche jenes einmal nöthig haben wird, – jenes Zeitalter, das den Heroismus in die Erkenntniss trägt und Kriege führt um der Gedanken und ihrer Folgen willen. Dazu bedarf es für jetzt vieler vorbereitender tapferer Menschen, welche doch nicht aus dem Nichts entspringen können – und ebensowenig aus dem Sand und Schleim der jetzigen Civilisation und Grossstadt-Bildung: Menschen, welche es verstehen, schweigend, einsam, entschlossen, in unsichtbarer Thätigkeit zufrieden und beständig zu sein: Menschen, die mit innerlichem Hange an allen Dingen nach dem suchen, was an ihnen zu überwinden ist: Menschen, denen Heiterkeit, Geduld, Schlichtheit und Verachtung der grossen Eitelkeiten ebenso zu eigen ist, als Grossmuth im Siege und Nachsicht gegen die kleinen Eitelkeiten aller Besiegten: Menschen mit einem scharfen und freien Urtheile über alle Sieger und über den Antheil des Zufalls an jedem Siege und Ruhme: Menschen mit eigenen Festen, eigenen Werktagen, eigenen Trauerzeiten, gewohnt und sicher im Befehlen und gleich bereit, wo es gilt, zu gehorchen, im Einen wie im Anderen gleich stolz, gleich ihrer eigenen Sache dienend: gefährdetere Menschen, fruchtbarere Menschen, glücklichere Menschen! Denn, glaubt es mir! – das Geheimniss, um die grösste Fruchtbarkeit und den grössten Genuss vom Dasein einzuernten, heisst: gefährlich leben! Baut eure Städte an den Vesuv! Schickt eure Schiffe in unerforschte Meere! Lebt im Kriege mit Euresgleichen und mit euch selber! Seid Räuber und Eroberer, so lange ihr nicht Herrscher und Besitzer sein könnt, ihr Erkennenden! Die Zeit geht bald vorbei, wo es euch genug sein durfte, gleich scheuen Hirschen in Wäldern versteckt zu leben! Endlich wird die Erkenntniss die Hand nach dem ausstrecken, was ihr gebührt: – sie wird herrschen und besitzen wollen, und ihr mit ihr!“ [5]

 

Wo sind „vorbereitenden Architekten“ unserer Zeit?

Quellen

[1] Friedrich Wilhelm Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft – Kapitel 7, http://gutenberg.spiegel.de/buch/3245/7

[2] Christophe Girot: Miszellen zur Landschaft, Pamphlet 18, Institut für Landschaftsarchitektur ILA, gta Verlag ETH, Zürich 2013

[3] Christophe Girot / Albert Kurchengast: Miszellen zur Landschaft. Nach der Natur ist vor der Landschaft, Pamphlet 18, Institut für Landschaftsarchitektur ILA, gta Verlag ETH, Zürich 2013, S. 40

[4] Gerd de Bruyn: Die enzyklopädische Architektur. Zur Reformulierung einer Universalwissenschaft, Edition ArchitekturDenken transcript Verlag, Bielefeld 2008, S.88-89

[5] Friedrich Wilhelm Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft – Kapitel 7, http://gutenberg.spiegel.de/buch/3245/7